Lesung Jürgen Wertheimer - Die Scharfseherin mit Führung durch das Landesmuseum Württemberg
  • Kategorie
    Veranstaltung
  • Ort
    Reinhold-Würth-Saal, Landesmuseum Württemberg, Altes Schloss, Schillerplatz 6, 70173 Stuttgart

Vor der Veranstaltung wird die zur Lesung passende Führung „Von Kassandra bis Athena – Frauen der Ilias in der Stuttgarter Antikensammlung“ mit Dr. Astrid Fendt stattfinden. Die Führung ist auf 25 Teilnehmende begrenzt. 

Beginn Führung: 17 Uhr 

Beginn Lesung: 18 Uhr 


Ob Cassandra oder Odysseus, Agamemnon oder Iphigenie – alle Figuren erscheinen verändert und sehr viel weniger heroisch, als wir sie zu kennen glauben.

Odys spielt gerne, treibt sich an verschiedenen Höfen herum und hat einen dubiosen Ruf. Helen ist es leid, nur Beiwerk eines groben Mannes zu sein und die Rolle der Schönsten zu spielen, sie möchte ausbrechen. Als Paris, der schönste von Cassandras Brüdern, den Hof in Sparta besucht, nimmt eine Kette von Ereignissen ihren Lauf … Und Odys will wissen, was sich bewegen lässt.

Was als Spiel beginnt, wächst sich aus zur „Mutter aller Schlachten“. Cassandra sieht klar, was sich anbahnt – politische Blindheit, persönliche Eitelkeiten, ein Krieg, der nicht verhindert werden will. Cassandra ist in Wertheimers Roman nicht die verfluchte Seherin der Überlieferung, sondern eine junge Frau mit Verstand, Beobachtungsgabe und dem Mut, das Offensichtliche auszusprechen. Sie begreift, dass Wahrnehmung allein nicht genügt, wenn niemand bereit ist zuzuhören, und mischt sich ein.

Am Strand begegnet sie Odys – der zum ersten Mal auf jemanden trifft, der ihm intellektuell ebenbürtig ist. Sie werden zu Liebenden und Komplizen. Erstaunlich kreativ formiert sich dieses ungleiche Paar zu einem Bündnis: um den Krieg zu beenden – und in den Trümmern Trojas die Odyssee neu zu schreiben. In einer Welt, in der Männer Geschichte schreiben und Frauen darin vorkommen, wird Cassandra zur Mitautorin.

Diese Neuerzählung verschiebt den Blick: weg von Göttern und Pathos, hin zu Menschen, Motiven und blinden Flecken. Selbst scheinbar bekannte Figuren, an denen überraschend aktuelle Themen verhandelt werden, erscheinen neu. Iphigenie als Teenager, die Wärme nicht bei den Eltern, sondern im Essen findet. Ihre Mutter Klytämnestra, die sich mit Kräutern und Säften berauscht und damit ihr eingeengtes Leben ausweitet. Penthesilea als kontrollierte Kampfmaschine, deren Leidenschaft sich jedoch nicht zähmen lässt. Und natürlich Helena als Frau, die den Druck verkörpert, ein optisch perfektes Bild von sich aufrechterhalten zu müssen.

Prof. Dr. Jürgen Wertheimer ist Literaturwissenschaftler, Autor und emeritierter Professor für Internationale Literatur an der Universität Tübingen. In seiner wissenschaftlichen und publizistischen Arbeit beschäftigt er sich insbesondere mit dem Verhältnis von Literatur, Gesellschaft und Politik sowie mit der Frage, welche Erkenntnisse literarische Texte über gesellschaftliche Entwicklungen, Konflikte und Krisen ermöglichen.

Mit dem von ihm initiierten Forschungsprojekt „Cassandra: Krisenfrüherkennung durch Literaturauswertung“ verfolgt er einen ebenso ungewöhnlichen wie aktuellen Ansatz: Literatur wird dabei nicht nur als künstlerischer Ausdruck ihrer Zeit betrachtet, sondern auch als möglicher Seismograf gesellschaftlicher Spannungen und politischer Konflikte. Im Mittelpunkt steht die Überzeugung, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller Entwicklungen wahrnehmen und beschreiben können, lange bevor diese in der öffentlichen Wahrnehmung oder politischen Analyse sichtbar werden.


Diese Veranstaltung ist eine Kooperation des Landesmuseums Württemberg und der Akademie für gesprochenes Wort.