Freitag, 2. November, 14h00 - 16h00, Kammermusiksaal

Dr. Annette Denzinger
Das Singen der Mäuse

Gesänge sind bei Tieren weit verbreitet. Vor allem Insekten, Frösche und Vögel setzen Gesänge ein, um Territorien abzugrenzen und um Weibchen anzulocken. Bei den hoch entwickelten Säugetieren sind Gesänge eher selten und waren lange nur für Wale, Fledermäuse und Gibbons beschrieben. Seit einigen Jahren ist jedoch bekannt, dass auch Mäusemännchen singen. Da die Gesänge im Ultraschallbereich liegen, können sie von Menschen nur wahrgenommen werden, wenn sie in den Hörbereich transponiert oder visuell dargestellt werden. Angeregt durch die Anwesenheit eines Weibchens oder durch die weiblichen Pheromone im Urin erzeugen die Männchen länger andauernde Sequenzen von Lauten, die in der Frequenz zwischen 30 und 110 kHz liegen und sich durch plötzliche Frequenzsprünge auszeichnen, wie sie auch beim Jodeln auftreten. Die Sequenzen lassen sich in einzelne Silben unterteilen, die in einer bestimmten zeitlichen Abfolge gesungen werden und entsprechen somit der Definition von Gesängen, wie sie z.B. bei Vögeln auftreten. Welche physikalischen Eigenschaften der Lautgenerierung zugrunde liegen, ist noch nicht abschließend geklärt. Vieles spricht dafür, dass die Paarungsgesänge nicht gelernt, sondern angeboren sind. Sie enthalten jedoch Informationen über den individuellen Sänger. In Verhaltensexperimenten konnte gezeigt werden, dass die „Liebesgesänge“ der Männchen für die Weibchen attraktiv sind. Ob die Weibchen die Qualität des Männchens am Gesang erkennen können, ist bisher noch nicht geklärt.

Annette Denzinger studierte in Tübingen und an der Duke University in den USA Biologie mit Hauptfach Tierphysiologie. Bereits im Studium interessierte sie sich für die Bioakustik bei Fledermäusen und untersuchte in ihrer Diplom- und Doktorarbeit die Genauigkeit der Entfernungsmessung bei Fledermäusen. Von 1996 bis 2003 arbeitete sie am Lehrstuhl Tierphysiologie der Universität Tübingen als wissenschaftliche Angestellte, seit 2004 ist sie Akademische Rätin am Institut für Neurobiologie. Sie leitet die Arbeitsgruppe Bioakustik und Echoortung und untersucht in ihrer wissenschaftlichen Arbeit die Anpassung des Echoortungsverhaltens von Fledermäusen beim Beutefang und der Raumorientierung.

Dr. Sara Neuhauser / Prof. Dr. Adrian P. Simpson

Imitiert oder authentisch? Hörurteile über fremdsprachige Akzente

Forensisch-phonetische Analysen kommen immer dann zum Einsatz, wenn lautsprachliche Äuße¬rungen im Kontext einer Straftat stehen. Eine Reihe von Störeinflüssen erschwert diese Analysen je¬doch erheblich, z.B. die bewusste Verstellung von Merkmalen der Stimme, Sprache oder Sprech¬weise eines Sprechers.
Der Vortrag stellt eine Teilstudie zur Thematik „Stimmverstellung durch Imitation fremdsprachiger Akzente“ vor (Neuhauser 2012; Neuhauser & Simpson 2007). Präsentiert wird ein Perzeptionsexperiment, in dem untersucht wurde, (1.) ob Hörer fähig sind, authentische fremdsprachige Akzente von nicht-authentischen (imitierten) fremdsprachigen Akzenten zu unterscheiden und (2.) ob sie fähig sind, die gehörten Akzente zu identifizieren (benennen).
Die Ergebnisse zeigen, dass die Hörer relativ schlecht in der Beurteilung der Authentizität der gehörten Akzente waren, was jedoch nur zum Teil auf die Leistung der deutschen Muttersprachler bei der Akzentimitation zurückzuführen ist. Außerdem waren die Hörer gut in der Lage, imitierte Akzente zu benennen, jedoch schlechter in der Benennung authentischer Akzente. Vorhandene aber auch fehlende stereotype Muster bei den Sprechern scheinen für die Akzentbeurteilung durch Hörer eine große Rolle zu spielen.

Literatur:
Neuhauser, S. (2012): Phonetische und linguistische Aspekte der Akzentimitation im forensischen Kontext. Produktion und Perzeption. Tübingen: Narr (= Tübinger Beiträge zur Linguistik 529); Neuhauser, S. und A.P. Simpson (2007): Imitated or authentic? Listeners' judgements of foreign accents. In Proc. XVIth ICPhS, Saarbrücken, S. 1805-1808.

Dr. Ulrike Nespital

Auf musikalischem Wege zum Erfolg?
Neue Forschungsergebnisse zum funktionellen Nachvollzug in der Stimmübungstherapie

Der funktionelle Nachvollzug meint das intuitive Nachvollziehen von Bewegungen im Sinne von Empathie und Nachahmung und geht auf W.B. Carpenter zurück (Carpenter-Effekt). In der Dissertation „Wirkungen des funktionellen Nachvollzug der physiologischen Gesangsstimme auf die Qualität der Sprechstimme“ (Nespital 2012) konnte im Rahmen einer Studie festgestellt werden, dass sich eine Sprechstimmgebung durch das auditive Einwirken einer physiologischen Gesangsstimme verbessern kann. Auf Basis der Forschungsergebnisse und -erkenntnisse wurde das Stimmtherapiekonzept STMI (Stimmtherapie mit musikalischem Input) erstellt, das den funktionellen Nachvollzug physiologischer Gesangsstimmen als Schwerpunkt hat und evaluiert werden soll.

Ulrike Nespital, 2003 bis 2008 Diplomstudium Sprechwissenschaft mit Wahlpflichtfach Musik, 2009 bis 2012 Promotion „Wirkungen des funktionellen Nachvollzugs auf die Qualität der Sprechstimme“; 2007 bis 2009 Therapeutin für Sprech-, Sprach-, Stimm- und Schluckstörungen in der Praxis logo-phon (Klin. Sprechwiss. Galow; Halle/Saale); 2008 bis 2012 Dozentin für Sprecherziehung am Institut für Musik der Martin-Luther Universität Halle Wittenberg; seit 2012 Dozentin am Zentrum für fremdsprachliche und berufsfeldorientierte Kompetenzen (ZfbK) an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Zurück