Annelies Wieler

Was siehst Du, wenn Du mich hörst?

Freitag, 2. November, 14h00 - 16h00
Samstag, 3. November, 9h00 - 11h00


Könnte die Frage auch umgekehrt gestellt oder gar noch erweitert werden zu, was schmeckst du, riechst du, fühlst du, wenn du mich hörst?

Unser Gehirn verarbeitet die Informationen, die wir aus unseren Sinnesorganen erhalten, zu etwas, was wir erinnern können, zu einem Abbild der Wirklichkeit, über das wir zu einem späteren Zeitpunkt nachdenken können.

Oft aber beantworten wir Reize oder Eindrücke bevor unser Gehirn die Chance hat, sie für unser Bewusstsein zugänglich zu machen. Wir beenden innerlich Sätze, beantworten Fragen, die nicht oder noch nicht gestellt wurden, laufen so schnell wie uns die Beine tragen zur Straßenbahn um festzustellen, dass sie noch fünf Minuten an der Haltestelle wartet. Ähnliche Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. So machen wir es auch, wenn wir eine Stimme hören: Wir antworten, interpretieren, ordnen ein, bewerten, wir zeichnen ein inneres Bild, das unsere Antwort, unsere Reaktion auf das Gehörte bereits beinhaltet. Unsere Zeichenstifte sind unsere Erfahrungen und Erlebnisse, unsere Absichten und unsere aktuelle Stimmung. Kein anderes Organ verfügt über so immens viele Stifte und Farben wie die Muskulatur, da sie sowohl sensorische als auch motorische Eigenschaften besitzt, uns also ermöglicht, wahrnehmend und handelnd zur gleichen Zeit zu sein. Sie spielt eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung der Sinneseindrücke zum inneren Bild.

Unser Bewegungssystem kann uns also nützlich sein, um besser verstanden zu werden. Haltung und Bewegungsmuster lassen sich beschreiben und überindividuell kategorisieren und als Orientierungshilfe benutzen. Wir können lernen, wie bestimmte Bewegungsmuster nicht nur die Haltung, sondern auch den Stimmklang und die Wortwahl verändern. Wir können diese Erkenntnisse gezielt einsetzen, wenn Sprechen und Stimmklang bewusst genutzt werden sollen, um nicht nur gehört, sondern verstanden zu werden.

Die Arbeitsweise der Psychotonik orientiert sich an sechs Grundformen der Bewegung, die jede für sich ein bestimmtes und unverwechselbares Beziehungsmuster beinhaltet und in ihrer Gesamtheit als Haltung zum Ausdruck kommen. Im Kurs arbeiten wir mit ausgewählten Bewegungsmustern, die für den stimmlichen Ausdruck besonders relevant sind.


Annelies Wieler war langjährige Dozentin für kommunikatives Bewegen an der Musikhochschule Stuttgart. Sie leitet das Lehrinstitut für Psychotonik Glaser in Zürich und führt eine private Praxis für Atem- und Bewegungstherapie.

Die Atem- und Bewegungslehre Psychotonik wurde von Prof. Dr.med. Volkmar Glaser (1912 – 1997) begründet. Ausgehend von der Erfahrung, dass seelische Veränderungen unmittelbar im Atemsystem zum Ausdruck kommen, erforschte Glaser seit den 1930er Jahren die komplexen Zusammenhänge zwischen Psyche und Atemsystem und brachte sie in eine Systematik.

Annelies Wieler
© privat

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